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Kurzer Abriss zur Kulturgeschichte und zur Entwicklung der Kynologie,
der Wissenschaft vom Haushund (Canis lupus forma familiaris)

Neueste Forschungsergebnisse aus den Bereichen der Evolutionsbiologie, Genetik und Archäozoologie, legen nahe, dass Hund und Mensch seit mindestens 32.000 Jahren zusammen leben. 1

Anthropologisch befinden wir uns in der Zeit der Jäger,- und Sammlerkulturen,
des Homo sapiens sapiens und des Neandertalers. 2 Und der Hund war auch schon mit dabei. Morphologisch eindeutig dem Haushund zu zuordnende Knochenfunde belegen das. 3
Wann sich genau der Hund (Canis lupus forma familiaris) stammesgeschichtlich vom Wolf trennte (Canis lupus),
zoologisch korrekt: wann er seinen Prozess der Haustierwerdung antrat,
ob es nicht immer wieder Vermischungen gab, parallele Domestikationsprozesse an verschiedenen Orten auf der Erde, das sucht die Wissenschaft mehr und mehr zu erforschen und es bleibt auf lange Sicht spannend, denn jeder neue archäologische Fund kann uns neue Erkenntnisse liefern. 4
Halten wir uns die Dauer unseres gemeinsamen Weges noch einmal vor Augen:
Über 30.000 Jahre!
Wir haben den Hund im Lauf des Domestikationsprozesses beeinflusst wie kein anderes Tier und er uns sicherlich auch, nicht umsonst sprechen Wissenschaftler bereits von einer möglichen Koevolution. 5
Und sie stellen sich und uns die Frage, ob die kulturhistorische Entwicklung des Menschen zu allen Zeiten, ohne seinen treuen Begleiter den Hund, der auf der Jagd half, ihn und sein Hab und Gut beschützte, schon in den Städten
Altägyptens als Unratvertilger für Hygiene sorgte, ihm im Kampf zur Seite stand, ihm half weite Strecken auf Erden zurückzulegen, um neue Gebiete zu erschliessen, überhaupt in der Form und Geschwindigkeit möglich gewesen wäre.
Die Menschheit als ganzes verdankt dem Hund unendlich viel und sicherlich würden viele Hundehalter zustimmen, dass das auch in ihrem eigenem Leben so ist.
Ihm Dank und Anerkennung zurückzugeben, aber nicht nur das, sondern aus dem Gefühl des Miteinanders-Füreinanders, ihm, dem von uns Menschen durch den Domestikationsprozess so abhängigen Wesen ein artgerechtes, seine Bedürfnisse befriedigendes, respektvolles Leben mit uns zu ermöglichen und den Hundehalter in der Umsetzung dessen anzuleiten und zu unterstützen, sehe ich meine Aufgabe.
Wie das? Durch die Vermittlung von Wissen. 
"Wissen schützt Tiere." Feddersen-Petersen, 2004 6

 Wenn ich weiß, wie ein Hund kommuniziert, wie er lernt, was er braucht, um sich rundum wohl zu fühlen, dann kann ich dieses Wissen nutzen und ihm das geben, was sich wesenhaft jeder Hund auf der Welt wünscht: Ein entspanntes, ausgefülltes Leben mit uns. Gewährleistet durch sein Vertrauen in uns und unsere Fähigkeit ihm Sicherheit, Schutz und eine ruhige, entspannte Führung angedeihen zu lassen und eine seiner Art gerecht werdende Beschäftigung. Beziehung und Erziehung auf der Basis von Vertrauen.

Was unser heutiges Wissen über den Hund angeht, leben wir in gesegneten Zeiten.
Das war nicht immer so, die Art wie sich die Wissenschaft heute mit dem Haushund beschäftigt, setzt eine lange wissenschaftstheoretische und damit wissenschaftshistorische Entwicklung voraus, mit einem Paradigmenwechsel, welcher gerade, seit rund zwanzig Jahren, beginnt Früchte zutragen.
Vor rund hundert Jahren sah man das Säugetier in der Forschung, und dies prägte die gesellschaftliche Sichtweise, noch als reine Reflexmaschine, ohne nennenswertes Innenleben, wie uns folgende Wissenschaftler nahe brachten:
Historisch allen voran, der berühmte russische Biologe Anton Pawlow (1849-1936), welcher bei seinen Forschungen zu den Reflexen das Prinzip der klassischen Konditionierung entdeckte und seine amerikanischen Nachfolger im Geiste, der Begründer des Behavorismus John Watson (1878-1958) und Edward Thorndike (1874-1949) und B. F. Skinner (1904-1990), welche sich der Erforschung der instrumentellen bzw. der operanten Konditionierung widmeten. 7
Ohne ihren Beitrag zur Erweiterung des Wissens über Lernformen, hier, die Konditionierungslehre, in Abrede zu stellen, ist es ein Segen für uns Hundeliebende heute, dass sich parallel dazu bereits die damals noch Tierpsychologie, heute Ethologie, die vergleichende Verhaltensforschung genannte Wissenschaft, entwickelte, die dem Tier und somit auch dem Hund, einen ganz anderen Stellenwert einräumt. 8
Und das Wissen um die unterschiedliche Sichtweise auf den Hund, je nachdem, aus welcher wissenschaftshistorischen Richtung wir sehen, ist für uns enorm wichtig. Hilft es uns doch zu differenzieren, zwischen den verschiedenen Arten den Hund und unser Zusammenleben zu betrachten und zu entscheiden, wie wir mit unserem Hund leben und arbeiten, welchen Weg wir gehen möchten.
Mit der Änderung der Sichtweise auf den Hund, beflügelt durch die Forschung, hat sich, dankenswerter Weise, auch die Art der Forschung gewandelt und nicht zuletzt ist die gesellschaftliche Sichtweise im Wandel:
weg vom Hund als Objekt, hin zum Subjekt, einem erforschenswerten, in den Mittelpunkt gestellten Wesen.
Als einem denkenden, fühlenden Wesen.
An der Erlangung und Verbreitung dieses Wissens arbeiten heute weltweit hervorragende Wissenschaftler. 9 Diese Forschung umfasst u.a. sämtliche Unterdisziplinen der Biologie: 

 

  • Physiologie
  • Neurobiologie 
  • Ethologie, welche u.a. Verhalten und Kommunikation beschreibt und die kognitiven Fähigkeiten des Hundes erforscht, also die Gedächtnisleistungen und das Lernverhalten,
  • Evolution und Stammesgeschichte, Forschung zur Koevolution von Mensch und Hund, Domestikationprozess und Rassekunde, Tiermedizin und einige mehr. 

Nicht zuletzt die Forschung hinsichtlich des Gefühlsleben der Tiere, auch auf neurologischer Ebene.

Mensch und Hund haben ganz ähnliche neurologische Strukturen, spätesten dank der Forschung in dieser Richtung, lässt sich das Gefühlsleben letzterer nicht längere in Abrede stellen. 10 


Die meisten Hundehalter brauchen sicherlich keine Forschungsergebnisse, um zu wissen, dass ihr Hund Gef
ühle hat. Zugleich, Forschung ist unabdingbar wichtig, sie ist die beziehbare Größe, die es uns ermöglicht anhand Daten und Fakten echten Tierschutz zu leisten und ein für alle Seiten zufrieden stellendes Leben zu ermöglichen:

  • Warum kann ein Hund nicht lernen unter Schmerzen, Stress und Angst? Die Antwort gibt die Neurobiologie.
  • Warum wird zeitlebens das Wesen frühkastrierter Hunde juvenil bleiben, werden verschieden kognitive und andere Reifungsprozesse ausbleiben? Die Antwort geben Endokrinologie, die Wissenschaft, die sich mit den hormonellen Prozessen im Körper beschäftigt, und Neurobiolgie.
  • Warum ist „Schwanzwedeln“ nicht gleich „Schwanzwedeln“ und was sagt es dem anderen Hund, wenn sein Gegenüber rechtsseitig oder linksseitig wedelt? Die Antwort geben die Ethologie und Ergebnisse  aus der Kognitionsforschung. 11
  • Warum ist es unabdingbar wichtig zu wissen, für welche Hunderasse ich mich entscheide? Die Antwort gibt das Wissen über Domestikationsprozess, Rassekunde und Genetik.

 

Die unvergleichliche Anpassungsleistung an den Menschen, im Laufe der genannten Jahrtausende, prädestiniert den Hund, wie keine anderes Tier, mit uns zusammen zu leben. Der Hund trägt in sich " die genetisch disponierte Neigung zum Menschen" . 12 Dies ist für uns Glück und Verpflichtung zugleich. Die Verpflichtung uns auf ihn einzulassen, seine artgerechten Bedürfnisse zu kennen und unsere eigene natürliche Seite zu fördern, wenn nicht gar wieder zu entdecken.

Die natürliche Seite, die uns seit Jahrtausenden verbindet.
Mensch und Hund nicht als getrennt in Mensch und Tier, mit dem Menschen als Krone der Schöpfung, sondern als kreatürliches Mitgeschöpf unter den Tieren. Eine Sichtweise, die sich unter Biologen schon durchgesetzt hat und sich in deren 
Bezeichnung für Tiere als, im englischen: non-human-animals, im deutschen: Nicht-Menschliche-Tiere, wieder findet und zumindest in diesem Sinne, in der biologischen Nomenklatur, die Sicht auf den Menschen wieder gerade rückt und damit den Weg bereitet dies auch im ethisch-moralischen Sinne zu tun:
der Mensch nicht als den Tieren übergeordnet, sondern als ein weiteres Tier auf diesem Planeten, den wir uns mit den anderen Tieren teilen.
Zumindest sprachlich ein erster Schritt in Richtung des Einläutens eines Ende des Anthropozentrismus.

Die Sichtweise auf den Hund hat sich gewandelt, auch für uns, diejenigen, die mit Hunden arbeiten.

Weg vom reinen Konditionieren, obwohl wir auch dieses selbstverständlich noch für uns nutzen, hin zur Beziehungsarbeit.

Es ist meine Aufgabe das Wissen dazu an Sie weiter zu geben, ganz praktisch nutzbar, für Hund und Mensch individuell, für ein harmonisches Zusammenleben.

Wir bleiben entspannt.
Marlene Marlow



 

 

 

Quellenverzeichnis:
1.
Complete Mitochondrial Genomes of Ancient Canids Suggest a European Origin of Domestic Dogs O. Thalmann et al. Science 342, 871 (2013); DOI: 10.1126/science.1243650
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/24233726
2.
https://www.southampton.ac.uk/archaeology/research/projects/dating_origins_and_development_of _palaeolithic_cave_painting_in_europe.page
3.
http://www.academia.edu/607623/Fossil_dogs_and_wolves_from_Palaeolithic_sites_in_Belgium_t he_Ukraine_and_Russia_osteometry_ancient_DNA_and_stable_isotopes
4.
https://www.researchgate.net/publication/258529165_Complete_Mitochondrial_Genomes_of_Anci ent_Canids_Suggest_a_European_Origin_of_Domestic_Dogshttp://www.palaeobarn.com/deciphering-dog-domestication-through-combined-ancient-dna-and- geometric-morphometric-approach
5.
u.a. Pat Shipmann,The Animal Connection and Human Evolution Current Anthropology, Vol. 51, No. 4 (August 2010), pp. 519-538 Published by: The University of Chicago Press on behalf of Wenner-Gren Foundation for Anthropological Research
6.
Dorit U. Feddersen-Petersen
Hundepsychologie: Sozialverhalten und Wesen, Emotionen und Individualität, August 2004
7.
https://owlcation.com/social-sciences/Cognitive-Development-in-Children-from-Watson-to- Kohlberg
8.
http://www.spektrum.de/lexikon/neurowissenschaft/geschichte-der-ethologie/14479
9. u.a.
http://www.spektrum.de/lexikon/neurowissenschaft/geschichte-der-ethologie/14479

http://www.uni-kiel./de/zoologie/gorb/dfeddersen.html 
https://familydogproject.elte.hu/
http://www.wolfscience.at/de/ 
https://www.vetmeduni.ac.at/de/infoservice/presseinformationen/presseinfo2015/hunde-emotionen/
http://www.port.ac.uk/department-of-psychology/staff/dr-juliane-kaminski.html

10.
The Emotional Lives of Animals: A Leading Scientist Explores Animal Joy, Sorrow, and Empathy — and Why They Matter, Marc Bekoff, New World Library, 2008
Beyond Words: What Animals Think and Feel, Carl Safina,

Henry Holt and Company,2015

http://news.nationalgeographic.com/2015/07/150714-animal-dog-thinking-feelings-brain-science/

11.
Seeing Left- or Right-Asymmetric Tail Wagging Produces Different Emotional Responses in Dogs
Siniscalchi et. al., Published Online: October 31, 2013
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/24184108

12.
Seminarbeschreibung 1 Tages-Seminar mit Dr. Dorit Urd Feddersen-Petersen
am 21. April 2018 „Homologien und Analogien im Sozialverhalten zwischen Hund und Mensch.“
Veranstalter: Christine Holst, "Canis Major"
http://www.canis-major.de/seiten/seminare.html 


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